Kleine Milieustudie

Zwei Kinder steigen in die Bahn und setzten sich. Beide nicht älter als neun, beide orientalischer Herkunft. Der eine (erste) immer leicht spöttisch der andere genervt – agressiv.

“Du steigst da nicht aus sonst…”
“Sonst was?!”
“Du steigst da nicht aus.”
“Sonst was?!”
“Du steigst da nicht aus.”

Schweigen.

„Wir werden sehen, ob du aussteigst.“
„Wir werden sehen.“
„Wir werden sehen.“

„Wenn du mit Ali fertig bist, dann kommt Mustafa. Dann kommt Urk.. (Namen habe ich nicht verstanden). Dann kommt Mohamed. Kennst du Mohamed ?“

Gebrumme.

“Mohamed, nicht der Zwerg von Urk (habe ich nicht verstanden), sondern der ältere Bruder von Mustafa. Der kommt dann. Der ist in der fünften Klassse und kann Kickboxen.”

Unbeeindrucktes Gebrumme.

Hämisches Lächeln. - „Wer werden sehen.“
„Wir werden sehen.“ - genervt.
„Wir werden sehen.“

Einzelschicksale

3 m Regal, jeweils 5 Stück stehen in einem Fach. Sie sind schwarz, anthrazit, dunkelblau, braun - aus dickem Karton mit eingeprägter Schrift. Alle stehen sie nebeneinander. Jede ist mit dem Slogan versehen, „Ihre individuelle Bewerbung“- 25 mal „individuelle Bewerbung“ allein in der obersten Reihe.

Auf dem Regal ein Schild: „Bewerbungsmappen sind vom Umtausch ausgeschlossen.“

Jede Bewerbung so individuell wie ein Arbeitslosen-Geld-Antrag. 3,995 Millionen Einzelschicksale – keine Zusammenhänge vorhanden oder erkennbar.

Die Gretchenfrage

Auf dem Wühltisch eines Lebensmittelgeschäfts fand ich heute Morgen Religion im Angebot.

Die Kinderbibel für 4,95 €, das Kinder Gebetsbuch für 4,95 € (auch inklusive Kruzifix-Anhänger). Die Familien - Bibel für etwas über 6 €.

Einige der Kinder-Gebete habe ich mir durchgelesen. Es ging immer nur um stumpfes Bekenntnis, nach dem Motto, ich glaube an Gott und ich folge ihm. -

Solche Gebete sind doch billig. - Wie das Geblöcke der Schafe in “Farm der Tiere” - “Vier Beine gut - zwei Beine schlecht.”

Muss man den Kindern, weil Sie noch naiv sind, einen naiven Glauben vermitteln ?
Muss man Kindern überhaupt einen Glauben vermitteln ?

Unter anderen Bedingungen

Welche dunkle Teil des menschlichen Geistes erschuf die Computer-Würmer ? War es der gleiche, der Müll-Eimer anzündet, kleine Hunde quält oder Glasscheiben an Fahrplänen zerkratzt ?

Welcher Prozess verhindert, dass Menschen Aufmerksam sind und nicht mechanisch eine Routine abspulen ?

Unter anderen Bedingungen wäre Heute nicht ein Wurm in das Netz meines Arbeitgebers gerutscht und es wären nicht an die 1000 verseuchte Mail gekreist. Es hätten sicher auch nicht Menschen aus versehen geklickt und es wäre nicht von vornherein klar gewesen, wer sich den Wurm fängt.

Das ist mit das schlimmste an dem derzeitigen Zustand des menschlichen Geistes – alles ist so berechenbar.

„Unterschichts“ - Diskussion

Nach einigen Tagen der medialer Berieselung, stellt sich doch die Frage, was in dieser Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung (pdf 460 kb) so steht. - Überraschung, ich zitiere:

Erste Teilergebnisse aus den über 450 Tabellen wurden in der Öffentlichkeit mit aktuellen Diskussionen über Armut, neue gesellschaftliche Schichtungen etc. verbunden, obwohl weder in der Studie noch in den ersten Analysen beispielsweise der Begriff „Unterschicht“ benutzt oder gedacht wird.

Vielmehr zielte die Befragung darauf, herauszufinden, welche Wertepräferenzen in der Bevölkerung vorliegen und welche Zuordnungen zu „politischen Typen“ diese Präferenzen erlauben.


Also nochmal es geht nicht um „Schichtung“ sondern um die Werte der Befragten und aus deren Vorlieben wurden dann neun politischen Typen gebildet:

Leistungsindividualisten, etablierte Leistungsträger, kritische Bildungselite, engagiertes Bürgertum, zufriedene Aufsteiger, bedrohte Arbeitnehmermitte, selbstgenügsame Traditionalisten, autoritätsorientierte Geringqualifizierte und abgehängtes Prekariat.

Diese letzte Gruppe sind die viel zitierten 8 %. Dabei handelt es sich jedoch nicht um „die Unterschicht“, sondern nur um einen Typus, der hauptsächlich in niedrigeren Schichten vorkommt, genauso wie der Typ der „autoritätsorientierten Geringqualifizierten“, die ihr Heil in Ordnung und Nationalbewusstsein suchen.

Also worüber sprechen, streiten, diskutieren, echauffieren sich alle so ?
Ach ja, das war dieser nicht verwendete Begriff - „Unterschicht“.

Ein Schlag ins Gesicht der political correctness und des Nationalstolzes. – Wir haben keine Unterschicht in Deutschland. Wir sind eine moderne, gerechte, ordenliche, saubere Gesellschaft. Wenn überhaupt gibt es hier nur die „neue Unterschicht“- das sind die, denen man die Armut nicht ansieht.

Außerdem setzt der Begriff „Schicht“ unangenehme Assoziationen frei – wie – Klasse – Klassenkampf – soziale Ungerechtigkeit – Aufstand - Revolte – Revolution – das Ende von Ruhe und Ordnung – ARGGGGGG.

Also weg mit diesem Unwort, keine Vokabel, keine Diskussion, keinen Aufstand – frei nach Orwell.

Überhaupt, wie wäre es mit einem neuen Modell für das Phänomen der sozialen Ungleichheit. Anstatt eines Berges – Oben, Mitte, Unten – nehmen wir doch eine Pfütze. Da gibt es dann drinnen und draußen und nicht am Rande der Gesellschaft sondern am Strande der Gesellschaft. Das klingt dann sogar positiv, wie Urlaub machen.

Marktgesetze – hautnah

Wenn eine Ware einem Käufer zu teuer ist, dann beginnt dieser zu Handeln. Ich kaufe, aber nur zu meinem Preis. Wenn dem Anbieter das zu wenig ist, dann sagt der, bei mir nicht, sieh zu, wo du deinen Kram her bekommst.

Wenn nun aber die Ware im Überfluss vorhanden ist, dann kann der Käufer den Preis drücken und der Anbieter muss sich mit weniger zufrieden geben.

Einfache Marktgesetze – dumm nur, wenn es sich bei der Ware oder Ressource um die Arbeitskraft handelt, man selbst der Anbieter ist und der Käufer – genau.

Dann bekommt man halt für die gleiche Arbeit weniger Geld. Also ab dem 1.November den Gürtel enger Schnallen, der neue BAT ist da.

Andere Wege

Häufig kommt es beim Erledigen einer Arbeit oder dem Erfüllen einer Aufgabe nicht so sehr auf das Ergebnis an. Es geht darum die Sache „richtig“ zu machen, also auf die überlieferte Art und Weise oder der Arbeitsanweisung entsprechend.

Manchmal weicht man vom richtigen Weg ab. Die Arbeit klappt dann genauso gut, aber außer dem kleinen Thrill, es mal anders gemacht zu haben, passiert nichts.

Aber manchmal gewinnt man durch die andere Handlung eine Erkenntnis, die das bisherige in Frage stellt. Die Sicht der Welt auf die Arbeit oder das Wesen der Aufgabe wird verändert. Das ist dann glaube ich eine Innovation.

Prophetien?

“Er nannte uns eine Bande Araber, die nach New York kämen, um es in die Luft zu sprengen.”

Jack Kerouac, On the Road, 1955

Was die Welt vereint.

Die UN hat derzeit 192 Mitgliedstaaten.
Dem internationale olympische Komitee arbeiten 203 nationale olympische Komitees zu.
207 nationale Verbände sind Mitglied der FIFA.

Beim ersten Hinsehen überrascht,
beim zweiten relativiert sich das wieder
– z.B. was politisch das United Kingdom ist,
besteht sportlich aus 8 Einzelverbänden.

Aber immerhin gibt es drei Verbände in der FIFA, die in der UN (noch) nicht existieren: Chinese Taipei, Cook Islands und Palästina. Dafür sind Serbien und Montenegro in der FIFA noch nicht getrennt.

Exklusivmitgied der UN ist Kiribati, Marshall Islands, Federated States of Micronesia, Monaco, Nauru, Palau und Tuvalu.

Ja, was die Welt so zusammenführt.

Die Sache mit der Natur

Natur ist kein Garten Eden.
Da geht es nicht human zu.
Da wird keine Rücksicht genommen auf das individuelle Lebensrecht des einzelnen Wesens.
Da ist ein Mensch in letzter Konsequenz auch nur ein Stück Fleisch.
Dort wird das Ich ultimativ gekränkt, wenn Mensch zum Hindernis, Futterquelle oder Beute wird.

Viele die von Natur schwärmen, vergessen dies. Sicher, Natur ist schön, Natur ist großartig, aber dabei darf man Rilke nicht vergessen:

Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.

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